LESEPROBE
1.
Nebelschwaden zogen wie weiße Schleier über den gigantischen Vulkankrater, der von Höhlen durchzogen war. Ihre Eingänge sahen aus wie offene Münder von Toten, die man vergessen hatte zu schließen. In der größten Höhle waren die Anführer aller zwölf Stämme der kleinen Insel Benahoare zusammengekommen.
Iriomé, für die es der siebzehnte Winter war, ließ den Blick über die bärtige Schar schweifen, die sich auf den Seegrasmatten niedergelassen hatte. Die Männer hatten sich fein gemacht für diesen Anlass und die langen Haare zu Zöpfen geflochten. Die Bärte, sonst wild und zerzaust, hingen wohlgeordnet bis auf die braun gebrannte Brust herab. Manche trugen sandfarbene, mit bunten Samenkapseln bestickte Ledergewänder, andere hatten zusammengenähte Ziegenfelle um ihre Lenden gebunden.
Es war der kürzeste Tag des Jahres, jener Tag, an dem Tichiname, die Oberste Medizinfrau, die Grenzen der Zeit überschreiten würde, um zu erfahren, was die Götter ihrem Volk vorherbestimmt hatten. Sie saß reglos mit geschlossenen Augen inmitten der Höhle vor einem mächtigen Feuer. Ihr von Wind und Wetter zerfurchtes Gesicht, umrahmt von krausem weißem Haar, war mit blauen Spiralen bemalt, dem Zeichen der Unendlichkeit und der ewigen Wiederkehr des Seins. Um ihren faltigen Hals trug sie eine Schnur mit getrockneten Eidechsen, und in der Hand hielt sie einen grob geschnitzten Stab, an dessen Spitze ein Ziegenschädel mit zwei spitzen Hörnern steckte.
Die Stammesführer hofften von ihr zu erfahren, was das nächste Jahr ihnen bringen würde. Ob sich ihre Ziegenherden vermehrten, ob die Frauen genug Wurzeln, Früchte und essbare Blätter finden würden, um Vorräte für entbehrungsreiche Zeiten anzulegen. Ob genug Kinder geboren würden. Und ob der Guayote, der Höllenhund, der im tiefsten Inneren des feuerspeienden Vulkans saß, friedlich bleiben und keinen von ihnen begehren würde.
Ohne Ankündigung ließ die Weise Frau einen schrillen Pfiff los, der an den steinernen Wänden der Höhle verhallte.
Iriomé atmete tief durch. Es war so weit! Zum ersten Mal durfte sie dabei sein, wenn Tichiname den heiligen Trank Amakuna zu sich nahm. Sie hatte das Gebräu auf Anweisung der Medizinfrau so lange gekocht, bis der Schatten des Zeitstabes von einem Stein bis zum nächsten gewandert war. Und auch wenn sie noch nicht ganz verstand, was der Trank tatsächlich bewirken sollte, hoffte sie inständig, irgendwann einmal selbst damit eine Reise in jene geheimnisvollen Welten zu unternehmen, von denen Tichiname ihr immer wieder erzählt hatte. Doch bisher war sie nur die jüngste von sieben Schülerinnen, aus denen die Medizinfrau irgendwann ihre Nachfolgerin wählen würde.
Ein leises Summen erfüllte die Luft. Die sieben jungen Frauen standen Schulter an Schulter an den Wänden der Höhle und hoben die Arme. Ihre langen, aus gebleichten Pflanzenfasern gefertigten Umhänge breiteten sich aus wie die Flügel von Möwen. Ihre Lippen waren blau bemalt, und jede von ihnen trug um den Hals einen kleinen Lederbeutel mit getrockneten Kräutern.
Iriomé schloss die Augen, während das Summen anschwoll und schließlich zu einer Art Gesang wurde, in dem sie und die anderen sechs ein einziges Wort im immergleichen Rhythmus wiederholten: „Amakuna, Amakuna, Amakuna ...“
mehr ...
2.
Die ersten zwei Kalksteinschuppen waren nicht größer als Streichholzbriefchen. Sie spreizte ihre Finger wie Greifhaken und belastete die Vorsprünge, während sie den Oberkörper anspannte. Dann stellte sie die Schuhspitze auf eine leichte Wölbung im Fels, zog an und drückte sich nach oben. Als Nächstes griff sie mit der anderen Hand über sich und legte die Finger in eine taubengroße Delle in der Wand, presste die Fingerspitzen in die Einbuchtung und stieg höher. Diesen Ablauf wiederholte sie Tritt für Tritt, Griff für Griff. Dennoch war keine Bewegung wie die andere.
Als sie ungefähr acht Meter über dem Waldboden war, kreischte ein Schwarm Bergdohlen über ihr und holte sie aus ihrem Flow. Der eisige Wind zerrte an ihrer Jacke. Romy spürte plötzlich ihren Herzschlag und warf einen Blick nach unten.
Ein schon lange nicht mehr erlebtes Gefühl überschwemmte ihren Körper wie eine Welle. Und eine schon lange nicht mehr gehörte innere Stimme flüsterte ihr zu: Jetzt passiert etwas! Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Ihr Kopf begann zu dröhnen. Eine unsichtbare Schlinge zog sich immer fester um ihren Hals. Ihr Atem ging nur noch stoßweise, und jeder einzelne Muskel ihres Körpers verkrampfte sich. Auch wenn ihre Hände fest um zwei sichere Griffe lagen, stand sie in exponiertem Gelände, und der Wind fauchte ihr in die Ohren. Sie liebte diesen Spitzentanz über dem Abgrund. Er war ihre ganz persönliche Droge. Ihre Medizin gegen die Panikattacken, die sie in ihrer Jugend gequält hatten. Der perfekte Ausgleich zu ihrem Leben als ärztin, die im nie endenden Laborbetrieb stets funktionieren musste.
Doch plötzlich änderte sich etwas, und die längst verschwunden geglaubte Panik kehrte zurück, so sehr sie sich auch dagegen wehrte. Gedanken hämmerten wie ein Schlagbohrer rhythmisch auf sie ein: Jetzt fällst du runter! Jetzt erwischt es dich! Jetzt hast du das Rädchen überdreht!
mehr ...
3.
„Gewalt ist der kleine Bruder des Todes“, erinnerte Iriomé an die Worte ihrer gemeinsamen Lehrerin.
Guayafanta schenkte ihr nur einen abfälligen Blick und lief dann an ihr vorbei zu einer Felsspitze, von der aus man hinunter auf einen Teil des Stammesgebiets von Tazo blicken konnte. Ein langer, schwarzer Kieselstrand, der einen der wenigen Anlegeplätze der Insel bot, die sonst fast nur von Steilküste umgeben war. Als sie den Blick hob, stieß sie einen leisen Schrei aus.
Im ruhigen Wasser der Bucht dümpelten drei Schiffe, wie schwarze Ungeheuer, die auf ihre Beute lauerten. Iriomé war ihr gefolgt, und die beiden Mädchen sahen sich erschrocken an. Die Schiffe waren aus dunklem Holz gefertigt und um ein Vielfaches größer als die Drachenbaumboote der Inselbewohner, mit denen sie hinaus zum Fischen fuhren. Von jedem der Schiffe ragten drei Baumstämme in den Himmel, und am höchsten wehte ein buntes Tuch. Einige Männer waren bereits mit kleinen Ruderbooten an den Strand gekommen und hatten dort ein Lager errichtet. Wortfetzen einer fremden Sprache und der Geruch von gebratenem Fisch drangen bis hinauf zu den Mädchen.
Iriomé griff nach Guayafantas Hand. Tichinames Prophezeiung war Wirklichkeit geworden. Eine Wirklichkeit, die man in dieser Welt sehen, hören und riechen konnte. Irgendetwas musste den Guayote, den Höllenhund, erzürnt haben, der im tiefsten Schlund des Feuer speienden Berges saß und auf diejenigen wartete, die in ihrem Leben Böses getan hatten.
Sie verloren keine Zeit und kletterten so schnell sie konnten von ihrem Aussichtspunkt zurück auf den Pfad, der zur heiligen Quelle führte. Schon bald vernahmen sie das vertraute Plätschern, das auf Iriomé jedoch in keiner Weise beruhigend wirkte. Im Gegenteil. Sie spürte Angst in sich aufsteigen. Es war die Angst vor dem Versagen. Als angehende Harimaguada hatte sie gelernt, die Geister der Ahnen um Hilfe zu bitten und sich ihrer Kräfte zu bedienen, jedoch bisher immer nur im Beisein ihrer Lehrerin. Noch nie war sie allein auf sich gestellt gewesen. Sie sah zu Guayafanta hinüber, deren Augen sich vor Anspannung zu schmalen Schlitzen verengt hatten. Von ihr war keine Hilfe zu erwarten. All ihre Sinne waren auf Kampf und Verteidigung ausgerichtet.
Erst als ein leichter Windhauch Iriomé sanft über die Wange strich, verflüchtigte sich ihre Angst, und sie wusste wieder: Der Geist von Tichiname würde ihr stets beistehen und nicht nur das. Erde, Wasser, Pflanzen, die Tiere und sogar der Wind waren mit ihr verbunden und würden ihre Weisheit mit ihr teilen.
mehr ...
4.
In diesem Moment fiel ein Schuss. Sie zuckte zusammen. Einige Tauben flatterten erschrocken in die Höhe. Ein männlicher Körper, bekleidet mit einer grünen Militärjacke, flog von der Feuerleiter auf den Betonboden des Innenhofs. Ihm hinterher sprang einer der Bodyguards mit gezückter Waffe.
Romy fühlte sich wie gelähmt. Doch dann setzte, ohne dass sie nur eine Sekunde darüber nachdenken musste, ihr Fluchtinstinkt ein. Sie riss die Tür des Umkleideraums auf, stürmte durch den Laden, vorbei an der verdutzten Verkäuferin und an Jennifer, die versuchte, sie am Arm festzuhalten.
Romy riss sich mit aller Kraft los und rannte hinaus auf die Straße. Sie landete in den Armen des zweiten Bodyguards. So kräftig sie nur konnte, trat sie ihm in die Weichteile, nutzte das schmerzhafte überraschungsmoment und befreite sich aus seinem Griff. Sie hetzte die breite Fußgängerzone entlang, riss beinahe einen Kinderwagen um, lief rechts in eine schmale Gasse hinein und bog dann die nächste Querstraße wieder links ab. Wie ein Hase auf der Flucht vor dem Fuchs schlug sie ihre Haken durch die Altstadt. Sie wagte es nicht, sich umzudrehen, und wusste dennoch, dass mindestens einer der beiden Männer ihr auf den Fersen war. Und sie waren bestimmt gute Läufer.
Romy rannte um ihr Leben. Als sie an einen Platz kam mit einem kleinen Brunnen in der Mitte und ein paar Bäumen, unter denen blau gekachelte Bänke standen, blieb sie kurz stehen, um durchzuatmen. Aus der Gasse hinter sich hörte sie schnelle Schritte. Panisch sah sie sich um und entdeckte einen offenen Hauseingang. Sie stürzte hinein, schloss schnell die Tür und ließ sich schwer atmend auf dem kühlen Treppenabsatz nieder. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Jemand rüttelte an der Tür. Romy raste die Treppen nach oben, um vielleicht über das Dach eine Fluchtmöglichkeit zu finden.
mehr ...