DIE DRACHENBAUMLEGENDE


Ganz früher in grauer Vorzeit, als die Erde noch jung war, sich hob und senkte, und ihre endgültige Form noch suchte, gab es merkwürdige Tiere. Die Stammeseltern hatten sie aus einer Laune heraus geschaffen und nannten sie Drachen. Zu einem Drittel waren sie Fisch, zu einem Drittel Landtier und zu einem Drittel Vogel. Sie konnten im Wasser leben, über Land kriechen und auch fliegen. Es gab nicht viele und auf jeder Insel lebte nur einer. Sie waren weder männlich noch weiblich, vermehrten sich auch nicht und waren aus diesem Grund unsterblich. Die Sonne allein war ihre Nahrung, und reichte diese mal nicht aus, so flogen sie in die Vulkankrater und fischten sich glühende Lava. Um sich anschließend abzukühlen, schwammen sie weit ins Meer hinaus und tauchten bis zu den tiefsten Stellen hinab.
Mit der Zeit aber verloschen die Vulkane, und die Lava war zu fruchtbarer Erde geworden. Da schufen die Stammeseltern die ersten Menschen, Tiere und Pflanzen, die sich überall auf den Inseln ausbreiteten. Die Drachen, deren heißer Atem die Pflanzen verdörrte und die Menschen zu Tode erschreckte, zogen sich in die letzten noch rauchenden Vulkankrater zurück, zu denen sich sonst keiner hinwagte. Doch sie fühlten sich nun eingeschränkt und nicht mehr wohl auf den belebten Inseln. So erhoben sich manche in den Himmel, um weiter zu fliegen als jemals zuvor. Andere verschwanden in den Tiefen des Meeres und tauchten nur selten auf, wovon die Seefahrer zu berichten wussten.
Nur einer konnte sich nicht von den Inseln trennen. Der schönste von allen, flammend rot wie ein Strauch blühender Bougainvilleen, dunkelblau wie wolkenloser Himmel, mit leuchtend grünen Schuppen auf seinem Panzer. Er war jedoch unglücklich und einsam. Wehmütig flog er über Benahoare, Hierro und die anderen Inseln und verstand, dass hier kein Platz mehr für ihn war. Schluchzend schüttelte er sich in der Luft und verlor Schuppe um Schuppe aus seinem Panzer. Als er völlig nackt und wehrlos war, flog er zum Teide und stürzte sich kopfüber in den glühenden Krater, um dort mit der Ewigkeit zu verschmelzen.
Die schönen, grünen Schuppen aber senkten sich in den Boden und schlugen Wurzeln. Und überall, wo das geschehen war, keimte im Jahr darauf ein kleiner Baum. Das sind die Drachenbäume; sie wachsen auf allen kanarischen Inseln, hauptsächlich aber auf La Palma, La Gomera und El Hiero, wo der Drache die meisten Schuppen verloren hat.
Es vergingen hundert Jahre, bis die Drachenbäume richtig groß waren, mit gewaltigen Stämmen und Kronen, wie die Schuppenpanzer von Drachen. Dort, wo die Schuppen des Drachens dichter gefallen waren und die Bäume wie in einem Hain zusammenstanden, trafen sich die Menschen in Andacht, und die Menceys, die Anführer der Ureinwohner, hielten dort ihre Versammlungen ab und saßen zu Gericht.
Weise Menschen, die sich heute unter einen Drachenbaum setzen, um nachzudenken, spüren noch die Kraft dieses Ortes, und manche sind sogar überzeugt, dass die Bäume zu ihnen sprechen.

Warum das so ist?
Als die Schuppen aus dem Drachenpanzer zur Erde glitten, da hat der Wind sie berührt und ihnen Botschaften mitgegeben. Wer also richtig hinhört und der Sprache von damals lauscht, der kann noch heute hören, was die Drachenbäume aus der Zeit der feuerspeienden Vulkane erzählen.

Felsen mit Spirale

DIE SPIRALE


Die Spirale ist ein uraltes heiliges Symbol aller Kulturen. Auch in der Natur ist sie überall zu finden: In Muscheln, Schnecken oder dem Fruchtstand von Pflanzen. Die DNS-Moleküle sind Spiralen; Wasser strömt in Spiralen; Luft bewegt sich in Spiralen, Hoch- und Tiefdruckgebiete sind spiralförmig. Im Großen verlaufen die Wege aller Himmelskörper, von kleinsten Gesteinsbrocken, bis hin zu Planeten, Sonnensystemen, Galaxien und Sternennebeln, wahrscheinlich des ganze Universum, spiralförmig. Die Spirale ist in allen alten Religionen zu finden: in keltischen Ornamenten, aber auch in christlichen Kirchen. Viele Funde aus der Vergangenheit weisen die Spiralform auf, z.B. Gürtel- oder Mantelschnallen aus der Bronzezeit, Ringe und Armreifen, aber auch kultische Bauwerke, Steine und Zeichen. Auf den kanarischen Inseln findet man an vielen Plätzen alte Felseinritzungen in Spiralform. Vor allem an Quellen. Die Spirale also als Zeichen der ewigen Widerkehr, der Unvergänglichkeit. Sie gillt aber auch als Zeichen für den Weg des Hinein- und Wieder- Hinausgehens, als Symbol für Tod und Auferstehung, für Vergänglichkeit und Wiederkehr, und spiegelt damit den ewigen Kreislauf der Natur wieder. Vielleicht zeigt sie auch den Weg des Menschen in die Finsternis und durch Karma und Läuterung wieder zurück ans Licht. Den Weg, des Irrens oder Verlierens und des sich Wiederfindens, Thema vieler Märchen und Romane. Die Spirale ist daher für mich auch Zeichen der inneren Umkehr des Menschen, und der ewigen Suche nach seiner Mitte.
Dort wo das liebende Herz in Stille wartet, bis alles, was es ausgestrahlt hat, zu ihm zurückkehrt.

LIEBE ist der Ausgang
LIEBE ist die Bewegung
LIEBE ist der ewige Antrieb
LIEBE ist das ZIEL.

DIE GUANCHEN

Die Guanchen ennt man heute alle Ureinwohner der Kanarischen Inseln. Die Bezeichnung leitet sich vom Ursprung ihrer Sprache ab. Guan bedeutet Mensch; Chinet: Teneriffa. Ursprünglich hießen nur die Bewohner dieser Insel so. Im Jahre 1495 hatten die Spanier gewaltsam alle Kanaren erobert, ungefähr zur gleichen Zeit, als sich die ersten Konquistadoren auf den Weg nach Südamerika machten. Ein Teil der Altkanarier fiel im ungleichen Kampf, ein anderer landete in der Sklaverei. Der Rest wurde christlich missioniert, was zur kulturellen Vernichtung eines zwar steinzeitlich lebenden, doch gleichzeitig hoch sozialisierten Volkes führte. Seine Herkunft ist der Wissenschaft noch heute ein Rätsel. Spekulationen reichen von nordischen Einwohnern über ausgestossene Berberstämme bis zum versunkenen Kontinent Atlantis, der einst zwischen den Kanarischen und den Kapverdischen Inseln gelegen haben soll. Das einzige, was neben einigen Ortsnamen noch auf ihre Existenz hinweist, sind geheimnisvolle Zeichen, die sie in Felsen und Höhlen ritzten.

SPANIEN, DIE MAUREN
UND DIE RECONQUISTA

Im frühen 8. Jahrhundert vernichteten die Mauren das Westgotenreich und eroberten die gesamte Iberische Halbinsel. Ihre jahrhundertelange Herrschaft prägte das Land. Das arabische Erbe schlug sich sowohl in der Architektur als auch in der Sprache nieder. Auch die Heilkunst hatte dort ihren Ursprung.
Allerdings gelang es den Mauren nicht, sich auch in den nördlichen Randgebirgen der Halbinsel dauerhaft festzusetzen. Von dort aus nahm die „Rückeroberung“ (Reconquista) ihren Ausgang. In diesem sich über mehrere Jahrhunderte (722–1492) hinziehenden Prozess wurde der maurische Herrschaftsbereich von den Christen nach und nach zurückgedrängt, bis mit dem Fall Granadas 1492 auch das letzte maurische Staatsgebilde auf der Halbinsel verschwand. Aus den maurischen Alkazars waren spanische Festungen geworden, von denen viele bis heute erhalten sind. Auf das Ende der Reconquista folgte eine Verfolgung religiöser Minderheiten. Die „Katholischen Könige“ Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón wollten keine Nichtkatholiken mehr in ihrem Machtbereich dulden. Moslems und Juden wurden genötigt, sich taufen zu lassen. 1478 wurde die Spanische Inquisition eingerichtet, um nur äußerlich konvertierte „Ungläubige“, die insgeheim ihren früheren Glauben praktizierten, aufzuspüren. Häufig wurden sie zum Feuertod verurteilt und nach sogenannten Autodafés öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Genau in diese Zeit gerät Iriomé, die Romanheldin der Vergangenheit. Die Begegnung mit dem maurischen Médico offenbart ihr die Welt der Mauren, und mit dem jüdischen Schatzmeister von Trujillo die der Juden. Beide werden, wie sie selbst, von den christlichen Machthabern verfolgt, wenn auch aus anderen Gründen.
In der Extremadura, einer der ärmsten und kärgsten Landschaften Spaniens, hat sich ein beinahe fundamentalistisches Christentum etabliert, und genau von hier stammen auch die großen spanischen Konquistadoren wie Pizarro, Cortes und de Soto, die mit Schwert und Bibel beinahe den gesamten südamerikanischen Kontinent unterwarfen.

Bilder: die Festung von TRUJILLO
und die Statue des dort geborenen
Südamerika-Eroberer PIZARRO